Raumschiff über Johannesburg, Aliens im Township: Mit dem weltweiten Überraschungserfolg „District 9“ ist dem Südafrikaner Neill Blomkamp gleich bei seinem ersten großen Kinofilm ein Klassiker des Science Fiction-Genres gelungen – und eine grandiose Satire auf Südafrika.
Von Dag Zimen
1982 war District 6 am Ende. Etwa 60.000 nicht-weiße Bewohner des traditionsreichen Kapstädter Viertels waren seit 1968 von der Apartheidsregierung in Townships umgesiedelt worden, ihre Hütten und Häuser wurden dem Erdboden gleich gemacht.
1982 war District 9 am Anfang. Tausende malade Insassen eines gigantischen Raumschiffes, das über Johannesburg aufgetaucht war, wurden in das provisorische Viertel für nicht-menschliche Wesen interniert und ihrer Verelendung überlassen. Mehr als 20 Jahre später will das private Sicherheits- und Militärunternehmen Multinational United (MNU) den Slum räumen und die mittlerweile 1,8 Millionen „Shrimps“ in das abgelegene District 10 umsiedeln.
District 6 war real. „District 9“ ist der diesjährige Überraschungs-Blockbuster an den weltweiten Kinokassen, produziert vom „Herrn der Ringe“ Peter Jackson, in der Regie des Südafrikaners Neill Blomkamp und gedreht in Chiawelo, einer informell genannten Siedlung in Soweto. Der etablierte Trick- und Werbefilmregisseur Blomkamp erntete für sein Spielfilmdebüt Lobeshymnen von Kritikern, die den geschundenen und in seltsamer Passivität gefangenen insektoiden Aliens einen Platz im Olymp der Science-Fictions-Filme zuschrieben. „District 9“ ist zugleich aber auch eine satirische und unterhaltsame Parabel auf die Apartheid und die humanen Aliens im modernen Südafrika.
Nigerianische Wut
Am deutlichsten werden die Parallelen zwischen Fiktion und Realität im pseudodokumentarischen Einstieg des Films, der zum Teil mit echten Nachrichten-Ausschnitten über xenophobe Ausschreitungen in Südafrika vermengt ist. Die Handkamera begleitet den linkisch-antiheroischen MNU-Agenten Wiekus von der Merwe (großartig gespielt vom Südafrikaner Sharlto Copley) auf seiner Mission, District 9 im Namen der Humanität zu „evakuieren“. Worum es MNU dabei wirklich geht, sind freilich die Waffensysteme der Aliens, die allerdings von menschlicher DNA nicht bedient werden können. Neben MNU ist auch die im District 9 brutal operierende nigerianische Mafia unter ihrem Anführer Obasanju (!). Dieser satirische Seitenhieb auf die organisierte Kriminalität in Südafrikas Slums verärgerte die reale nigerianische Regierung übrigens derart, dass sie eine Entschuldigung sowie ein Ausstrahlungsverbot des Filmes forderten.
Als Wiekus van der Merwe im Zuge der brutalen „Evakuierung“ jedoch mit einer seltsame Flüssigkeit un Kontakt gerät, entspinnt sich eine spektakulär-absurde Story, wie sie eben nur Science Fiction-Filme generieren können (oder die südafrikanische Geschichte): Wiekus van der Merwe wird durch den Unfall zu seinem großen Schrecken langsam aber sicher selbst zum Alien. Durch die sich extraterrestrisch umwandelnde DNA kann er auch die Waffen des Aliens bedienen, wird aber dadurch selbst zum gejagten Versuchsobjekt für seinen Arbeitgeber MNU - und die Nigerianer. Im bleibt nichts anderes übrig als sich zu verstecken, natürlich im District 9...
Menschwerdung in der Alienisierung
„District 9“ verlässt fortan die pseudodokumentarische Ebene und wird zum Verfolgungs- und Action-Drama, das mit den obligatorischen, aber nicht minder perfekt inszenierten Effekten ebenso besticht wie mit dem subtil-intelligenten Drama um Wiekus van der Merwe, dessen zunehmende äußere „Alienisierung“ mit einer inneren Menschwerdung einhergeht und nach dem großen Showdown in der „menschlichsten“ Szene dieses überwältigenden Filmes endet.
„District 9“ ist ein Film der perfekt inszenierte Action-Unterhaltung intelligent und subtil mit einem sozialen und politischen, einem „humanen“ Anliegen verbindet. Kurz: Großes Kino aus Südafrika!
District 9
2009
Regie: Neill Blomkamp
Produktion: Peter Jackson, Carolynne Cunningham
Überall in deutschen Kinos