Wie wehrt man sich gegen Korruption? Wie wählt man richtig? Und was genau ist eigentlich Demokratie? – Kenias Zivilgesellschaft dürstet nach Mündigkeit. Wie man sie erlangt, erklärt Reverend Jephthah Gathaka – bis in die entlegensten Winkel des Landes.
Von Dag Zimen
Es war einmal ein kleines Dorf am Rande des Rift Valley, jenes tektonischen Großen Ostafrikanischen Grabens, der sich durch den afrikanischen Kontinent zieht und hier in seinem kenianischen Teil das üppig grüne Märchen einer Tallandschaft bildet. Die Wasserfälle rauschen, die Erde leuchtet rot, die Bananen wachsen, die Rinder grasen, die Kinder spielen, die Sonne scheint, aber nicht zuviel. Die nahezu perfekte ländliche Idylle. Die Welt scheint friedlich still zu stehen an diesem Ort unweit des Äquators. Doch auch hier wütet ein gefräßiges Monster, das die Menschen in Atem hält, vor dem niemand sicher ist. Ein Monster namens Korruption.
Das Monster ist ein grotesk dicker, alter, vierköpfiger Klops, der vier Leibspeisen hat: die Gesellschaft, die Wirtschaft, die Kultur und die Politik. Seit Jahren frisst sich das Monster fett und legt sich erdrückend auf das ganze Land, welches der Internationale Dachverband der Drachenbändiger – er nennt sich Transparency International – vor gar nicht allzu langer Zeit als das Paradies für das Monster mit dem Namen Korruption bezeichnete.
Auch das kleine Dorf am Rande des Rift Valley hat sein Erfahrungen mit dem Vielfraß: Ein geplantes Gesundheitszentrum verschlang es und verdaute es zu einem teuren Spielzeug für den lokalen Parlamentsabgeordneten, der, wenn er schon alle anderen Entwicklungen verschlafen hatte, wenigstens nicht auch noch den Trend zum Zweitluxuswagen verpassen wollte. Die missbrauchten Mittel kamen aus dem Constituencies' Development Fund, einem Geldtopf, der jedem kenianischen Wahlkreis für lokale Entwicklungsprojekte von der Zentralregierung zugewiesen wird, der aber fataler Weise vom jeweiligen Wahlkreisabgeordneten verwaltet wird. Eine Einladung zur Selbstbedienung. Das kleine Dorf ist daher auch kein Einzelfall: Im nicht fernen Eldoret, welches eine beschauliche Stadt zu nennen nicht despektierlich wäre, steht seit kurzem ein hochmoderner „International Airport“ – Bedarf: keiner; Nutzen: geringer; Schmiergelder: abgehoben. Alltag in Kenia.
Helden in zu großen Anzügen
Die Bewohner des kleinen Dorfes sind das nimmersatte Monster schon lange satt. Auch damit sind sie nicht allein. 2002 setzten die Kenianer sogar zum großen Gegenangriff an und wählten sich eine neue Regierung, die versprach, die Korruption und ihre hässliche Schwester Misswirtschaft zu vertreiben. Doch das Monster hatte sich schon längst auch in diese neue Regierung eingefressen. Es sitzt mitten in der Gesellschaft, in der Wirtschaft, in der Kultur und ganz besonders in der Politik.
An jungen Helden, die sich im Kampf gegen das Monster versuchen, mangelt es nicht. Ein besonders Kraft strotzender ist zum Beispiel John Githongo – 2002 als regierungsamtlicher Drachentöter auserkoren, tief in die Höhle des Monsters eingedrungen, zwei Jahre später jedoch frustriert und, von hinterrücks sabotierenden Regierungskollegen bedroht, zurückgetreten und in Todesangst aus dem Land geflohen. Aus dem sicheren London schießt er nun regelmäßig seine mit den gesammelten Informationen vergifteten Pfeile in Form von Berichten und BBC-Interviews gegen die korruptesten Mitglieder der Regierung. Der Medienliebling erregt Aufsehen, und hin und wieder stürzt auch ein Offizieller über die legendären und in wohl dosierten Häppchen veröffentlichten „Githongo Tapes“ - Tonaufnahmen, die der „Permanent Secretary for Governance and Ethics“ zu Amtszeiten bei Gesprächen mit seinen Regierungskollegen heimlich mitschnitt. Aber mehr als an der dicken Haut des Monsters zu kratzen, vermag John Githongo aus der Ferne nicht.
Die Rolle des Helden in dieser afrikanischen Geschichte vom Kampf gegen die Korruption, die man schwerlich ein Märchen nennen kann, solange man noch nicht weiß, ob das Ende gut wird, nimmt daher auch nicht der große Hüne John Githongo ein, sondern ein kleiner, rundlicher und ergrauter anglikanischer Priester in viel zu großen Anzügen: Reverend Jephthah Gathaka, Vorsitzender des „Ecumenical Centre for Peace and Justice“ (ECJP).
„The leaders you elect is the service you get“
A Monster Called Corruption, so heißt eine Broschüre, auf deren Titelbild ein groteskes Monster prangt. Jephthah Gathaka hat sie geschrieben. In der brüchigen Schule des kleinen Dorfes am Rande des Rift Valley hält er sie hoch. Vor ihm sitzen dicht gedrängt knapp 50 Erwachsene im Sonntagsstaat auf kleinen Kinderstühlen: Männer, Frauen, alte, junge, Honoratioren und einfache Farmer; sogar der „local chief“ ist gekommen. Sie hören sich an, was Jephthah Gathaka zu sagen hat: „Ihr könnt euch gegen Korruption und schlechte Politiker wehren! Ihr müsst eure Rechte kennen, euch informieren und die richtigen Leute wählen! Es ist an euch, welche Politiker ihr wollt! Eure Stimme zählt!“, doziert, nein, predigt Gathaka im Brustton der Überzeugungskraft: „The leaders you elect is the service you get!“, gemahnt er die Dorfbewohner an ihre Selbstverantwortung. Und: „Politische Partizipation ist eine Bürgerpflicht!“ Fast alle schreiben eifrig mit. Ihr Informationsbedarf ist groß.
Seit zehn Jahren ist Jephthah Gathaka mit seinen Team vom ECJP ist ganz Kenia unterwegs. Ob im Rift Valley oder am Victoriasee, in der Wüste oder an der Küste, in der Hauptstadt oder in Provinznestern, die nur selten über „International Airports“ zu erreichen sind: Jephthah Gathaka tourt durchs Land im Dienste der „Civic Education“ - politische Bildung für Erwachsene mit dem Ziel, den Souverän im Land souverän in seinen Entscheidungen zu machen. Er gibt Seminare über Korruptionsbekämpfung, über Menschenrechte, über das politische System, über lokale Verwaltung und Entwicklung, über Demokratie im Allgemeinen und Demokratie im speziellen Kenianischen.
Wahlen 2007
In diesem Jahr liegt der Schwerpunkt auf den Wahlen, denen sich Ende 2007 der seit 2002 amtierende Präsident Mwai Kibaki sowie im Mehrheitswahlsystem alle 210 Abgeordneten in Kenia stellen müssen. Wie funktioniert das Wahlrecht? Welche Bedeutung haben Wahlen für die Demokratie? Wie informiert man sich über Kandidaten, Parteien und Programme? Welche Rechte haben Wähler? Welche Qualitäten sollten Kandidaten haben? Und – in Kenia aus Tradition besonders wichtig – wie wehrt man sich gegen Versuche von Kandidaten, für ein paar Schillinge, die für zwei Mittagessen reichen, die Stimme für ein Mandat von fünf Jahren zu kaufen? In allen sieben Provinzen Kenias halten Reverend Gathaca und das ECJP dazu auf Distriktebene dreitägige Fachseminare für vom ECJP ausgewählte „Multiplikatoren“ ab – zum Beispiel Lehrerinnen, Sozialarbeiter, Geistliche aller Religionen und Konfessionen, Frauenrechtlerinnen, die dann als Trainer in eigenen, vom ECJP kontrollierten Tagesseminaren die Botschaft auf die „grass root“-Ebene tragen. „Wir wollen so viele Menschen erreichen wie nur irgendwie möglich“, sagt Gathaka. Und egal, wohin man den Reverend im weißen Stehkragen auch begleitet, er ist tatsächlich bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund – in den überwiegend islamischen Landesteilen übrigens ebenso wie in den christlichen.
Die Logistik hinter diesem Programm, das Gathaka mit einer Hand voll Mitarbeitern aus einem winzigen Büro in Nairobi sowie Ehrenamtlichen in mittlerweile allen 71 Distrikten Kenias koordiniert, ist enorm in einem Land mit großen Entfernungen und noch größeren Schlaglöchern in den bisweilen bizarr schlechten Straßen, mit vielen Sprachen, noch mehr Dialekten und nicht mehr zu beziffernden Unterschieden in Kulturen, Traditionen und Gebräuchen der Stämme und Clans. Nicht selten kommen Probleme hinzu, die nicht nur Europäer häufig mit einem seufzenden „that's Africa“ kommentieren: Wir sind um 10 Uhr morgens verabredet zu einem jener „grass root“-Seminare, das ein vom ECJP ausgebildeter Trainer außerhalb von Eldoret abhalten soll. Als wir gegen 11 Uhr schließlich am Veranstaltungsort ankommen, haben sich vor der kleinen Pfingstkirche nur drei Kühe versammelt. Eine halbe Stunde später taucht der „Facilitator“, der tags zuvor versprochen hatte, das Seminar beginne pünktlich um 9 Uhr, auf. Es sei überraschend ein Impftag für die Rinder anberaumt worden, die Farmer könnten heute nicht, man müsse das Seminar um einen Tag verschieben. Eine Mitarbeiterin von Gathaka wird das kontrollieren. Findet das Seminar nicht statt, muss der Trainer die vom ECJP ausgelegten Spesenkosten für die Veranstaltung erstatten. Der Trainer schaut in ein freundliches, aber strenges Gesicht des Reverend und nickt. „Das kommt vor, wenn man mit vielen Menschen zu tun hat“, sagt Gathaka im Auto. Er lacht entwaffnend, aber seine Wut und Ungeduld über solche Unzuverlässigkeit ist dem Mann, der mit einer Disziplin, die jeden Preußen neben ihm nicht nur in Bezug auf die Hautfarbe blass aussehen ließe, jeden Morgen um 4 Uhr aufsteht, um vor dem Berufsverkehr im Büro zu sein, deutlich anzumerken.
Eine halbe Stunde später, beim nächsten Seminar in der kleinen Kirche „Rivers of Joy“, ist die Trainerin bereits dabei, etwa einem Duzend Bürgerinnen und Bürgern das kenianische Wahlrecht zu erklären. Bis zum vom ECJP spendierten Mittagessen werden es über 30 sein. Reverend Gathaka spricht mit Ihnen über die Verantwortung als mündiger Bürger und mündiger Wähler. Wie wichtig es ist, sich über die Qualitäten, die Politiker mitbringen sollten, Gedanken zu machen und diese auch einzufordern, anstatt sich seine Stimme für 100 Shilling abkaufen zu lassen. „Ein Abgeordneter sollte ein Diener sein, kein König“, sagt Livingstone Shikuku, ein junger Künstler, der seine Familie mehr schlecht als recht mit der Herstellung von Post- und Glückwunschkarten über Wasser hält, nach dem Gespräch mit Gathaka. Der intelligente junge Mann ist Mitglied einer Partei, weiß aber nicht, wofür sie und ihre Kandidaten eigentlich stehen. „Ich bin in diese Partei eingetreten, als sie damals in der Opposition war. Ich wollte einen Regierungswechsel, das war der einzige Grund. Meine Wahlentscheidung war sehr einfach. Aber diesmal wird es schwieriger, und ich will mehr wissen. Ich will, dass Entwicklung im Land ankommt, und die Menschen besser leben können. Mich interessieren die Konzepte. Aber man wird kaum informiert. Solche Workshops wie dieser hier öffnen einem aber die Augen, dass man sich die Informationen holen muss. Ich will kein Spielball mehr sein, sondern selber Spieler.“
Unterstützung aus Deutschland
Außer den zahlreichen Workshops und Seminaren, mit denen Gathaka und das ECJP die so dringend benötigten Informationen unter die Bürger bringen, geben sie zahlreiche Bücher, Broschüren und Wandkalender heraus, die in leicht verständlicher Sprache und mit zahlreichen Illustrationen und Karikaturen die Grundprinzipien der Demokratie und der Menschenrechte, variiert in zahlreichen Spezialthemen, erklären. Auch die Broschüre A Monster Called Corruption gehört dazu.
Durchführbar ist ein solch anspruchsvolles und umfangreiches Programm natürlich nur mit entsprechenden finanziellen Mitteln. Sie kommen ausschließlich von ausländischen Gebern, allen voran von der deutschen Hanns-Seidel-Stiftung, die in ihrer Arbeit in Afrika einen besonderen Schwerpunkt auf die Förderung von mündigen Zivilgesellschaften legt. Aber auch die gtz und das von verschiedenen europäischen Finanziers getragene National Civic Education Program tragen zum jährlichen Haushalt des ECJP bei. Die kenianische Regierung hingegen gibt für derlei Dinge kein Geld aus, was Gathaka aber zumindest für seine Organisation nicht als Nachteil sieht: „Wären wir vom Staat finanziert, wären dessen Einflussnahme-Versuche groß und die Menschen denken, wir seien parteiisch. Unabhängigkeit ist unser wichtigstes Gut.“ Auch gegenüber seinen ausländischen Geldgebern verfährt Reverend Gathaka nach dem Motto, dass er auch auf seinen Seminaren ausgibt: „Lass dich von anderen beraten und lass dir helfen, aber lasse nicht deine Entscheidungen von ihnen treffen.“
Eine Farm am Fusse des Mount Kenya
Die Basis seiner Unabhängigkeit und seines festen, unbeirrbaren Willens liegt einerseits in seinem Glauben begründet, der ihm das unerschütterliche Vertrauen auf „das Licht am Ende jedes Tunnels“ gibt, andererseits in seiner Bodenständigkeit, die er am besten offenbart, wenn er auf seinem eigenen Grund und Boden steht. Auf seiner kleinen Farm in Muthitu am Fuße des Mount Kenya baut er Kaffee, Mais und Macadamia-Nüsse an. Dorthin fährt er, so oft es geht. Dort ist er aufgewachsen, dort leben seine Kinder und Enkel, dort liegt seine Frau auf dem Grundstück begraben. Was ihm dieses idyllische Stück afrikanischer Erde bedeutet? „Alles. Meine Existenz, meine Geschichte, mein Leben. Hierher hole ich meine Kraft und Energie.“
Das einfache Leben auf seiner kleinen und bescheidenen Farm scheint Welten entfernt vom hektischen Metropolen-Alltag in Nairobi, vom Reisestress, von den nationalen und internationalen Verpflichtungen, die Gathaka nicht erst hat, seitdem er auch noch zum Leiter des National Governing Council des African Peer Review Mechanism (APRM) in Kenia wurde, und sich damit um eine grundlegende und allumfassende Reformstrategie für die ganze Nation bemühte. Doch beginnt man zwischen seinen Kaffeepflanzen, die zum Teil so alt sind wie er selbst, zu verstehen, was Jephthah Gathakas Antriebskraft ist: „Dieses Land kann so viel Gutes hervorbringen, man muss es nur richtig bewirtschaften. Dass es schlecht verwaltet wird, dass Mismanagement und Korruption alles überwuchern, kann ich nicht mit ansehen.“
Doch hat man überhaupt eine Chance gegen das stets nachwachsende Unkraut, gegen die Monster? „Ja“, sagt Gathaka, der trotz der Beharrungskraft der Probleme viele Fortschritte in Kenia sieht. Noch vor einigen Jahren seien seine Seminare von der Obrigkeit gesprengt worden, sie mussten ständig an neue, geheime Orte verlegt werden, in vielen saßen die Spitzel des Regimes. Wahrscheinlich bewahrte in nur sein Priesterstatus vor stärkerer persönlicher Verfolgung. „Das alles ist seit einigen Jahren besser geworden. Kenia ist freier geworden und toleranter. Wir werden nicht mehr behindert.“ Das habe mit der liberaleren Regierung seit 2002 zu tun, sagt Gathaka, vor allem aber mit der Stärke und dem Selbstbewusstsein der Zivilgesellschaft, die sich nicht mehr alles gefallen lasse. „Im Vergleich zu anderen afrikanischen Ländern ist die Zivilgesellschaft in Kenia stärker. Der Bildungsstand und das Selbstbewusstsein sind größer.“ Daran war und ist Jephthah Gathaka maßgeblich beteiligt. Einen „aufgeklärten Afrikaner“ nennt ihn Rainer Gepperth, Leiter des Instituts für Internationale Begegnung und Zusammenarbeit der Hanns-Seidel-Stiftung. Einen afrikanischen Helden und Drachentöter könnte man ihn auch nennen. In dem kleinen Dorf am Rande des Rift Valley nennen sie ihn schlicht „the Reverend“. „Das ist mir auch am liebsten“, sagt Reverend Jepthah Gathaka.

























